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FOLGE 7, Thema: Afrika

Die Bedeutung von Leo Trotzkis
“Denken fĂŒr das heutige Afrika”

Von Chris Talbot
3. November 2000
aus dem Englischen (28. Oktober 2000)

AnlĂ€sslich des 60. Todestags von Leo Trotzki hielten das Internationale Komitee der Vierten Internationalen und das World Socialist Web Site im September Gedenkveranstaltungen in Berlin und London ab. Die folgende Rede hielt Chris Talbot, Mitarbeiter des WSWS in Großbritannien, am 24. September in London.

Diese Versammlung wurde einberufen, um die AktualitĂ€t und Bedeutung von Leo Trotzkis Ideen fĂŒr das politische Leben unserer Zeit nachzuweisen, denn diesen FĂŒhrer der Russischen Revolution von 1917 kann man mit Recht den grĂ¶ĂŸten marxistischen Denker des zwanzigsten Jahrhunderts nennen.

Die heutigen VerhÀltnisse in Afrika sind vielleicht die stÀrkste Anklage gegen den modernen Kapitalismus. Betrachten wir die Fakten, die die Weltbank vor kurzem in einem Bericht vorstellte: Das Gesamteinkommen aller 48 LÀnder der afrikanischen Sub-Sahara entspricht heute ungefÀhr demjenigen des kleinen Landes Belgien. Jedes Land hat im Durchschnitt ein Einkommen von etwa zwei Milliarden Dollar pro Jahr - was etwa dem einer westlichen Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern entspricht. Wenn man das auf die Menschen umrechnet, kommt man auf weniger als einen Dollar pro Tag.

Das Bruttosozialprodukt (BSP) dieses riesigen Kontinents betrĂ€gt weniger als ein Prozent desjenigen der Welt. Die sozialen Bedingungen haben sich verschlechtert, nachdem in den sechziger Jahren mit dem Erreichen der UnabhĂ€ngigkeit bescheidene Fortschritte erzielt werden konnten. Wenn man SĂŒdafrika ausklammert, gibt es in ganz Afrika weniger Straßen als in Polen und nur fĂŒnf Millionen Telefone. Man kann davon ausgehen, dass diese erschreckenden statistischen Zahlen nicht ĂŒbertrieben sind, denn die Weltbank kann nicht abstreiten, dass sie zumindest ein Teil Mitverantwortung fĂŒr diese Entwicklung trĂ€gt.

Was die Gesundheit angeht, so stirbt heute ein grĂ¶ĂŸerer Prozentsatz der Bevölkerung an Infektionskrankheiten als zu irgend einer Zeit im zwanzigsten Jahrhundert. Die Auswirkungen von AIDS sind in Afrika absolut verheerend. Nach SchĂ€tzungen der UNO haben in Afrika 24.5 Millionen Menschen HIV/AIDS, von denen sich vier Millionen allein im Jahr 1999 infiziert haben. AIDS tötete in Afrika im vergangenen Jahr 2.2 Millionen Menschen - achtzig Prozent von allen AIDS-Toten der ganzen Welt. In einigen LĂ€ndern wie Zimbabwe und Botswana können Schulen und Fabriken nicht mehr arbeiten, weil so viele berufstĂ€tige Menschen gestorben sind. Wie wir in unseren Artikeln ĂŒber AIDS nachgewiesen haben, gibt es im Moment keine Chance, dass die dringend erforderlichen Maßnahmen getroffen und die Ressourcen und Medikamente aufgebracht werden, die notwendig wĂ€ren, um den Tod dieser Millionen Menschen zu verhindern. In der westlichen Welt gibt es nicht einmal den Versuch einer ernsthaften Diskussion ĂŒber diese Fragen.

 

Sucht man in den Medien nach einer ErklĂ€rung dafĂŒr, was in Afrika vor sich geht, stĂ¶ĂŸt man auf ein ganzes BĂŒndel unausgegorener, reaktionĂ€rer Vorurteile. Die Weltbank und die westlichen Politiker behaupten, die korrupten FĂŒhrer Afrikas trĂŒgen die Verantwortung fĂŒr dessen sozialen Niedergang, weil sie die Regeln der "Transparenz" und des "guten Regierens" erst noch lernen mĂŒssten. Diese FĂŒhrer betrieben angeblich eine Politik ĂŒberhöhter Staatsausgaben, usw. Normalerweise wird keine ErklĂ€rung dafĂŒr geliefert, warum sich das Problem dieser besonderen Spezies politischer FĂŒhrer nur in Afrika stellt. Wenn Versuche angestellt werden, das Problem der korrupten Regime zu hinterfragen, geschieht dies ĂŒblicherweise in pseudo-soziologischen Begriffen wie der "Vorherrschaft von Stammesstrukturen". Demnach herrschen lokale BrĂ€uche vor und es fehlen die urbanen kleinbĂŒrgerlichen Werte, die wir im Westen finden. Die wesentliche Schlussfolgerung, die aus diesen ErwĂ€gungen gezogen wird, lautet dann, dass Afrika eine "Mission der Zivilisierung" brauche - im Wesentlichen dasselbe rassistische Konzept, das wir schon aus viktorianischen Zeiten kennen.

Normalerweise werden die allersimpelsten geographischen oder biologischen Rechnungen aufgemacht, um die Unterentwicklung Afrikas zu erklĂ€ren. Der Wissenschaftsjournalist Jared Diamond zum Beispiel erklĂ€rt, das Problem bestehe darin, dass sich die Landwirtschaft in Europa und Asien viel leichter entwickelt habe. Afrikanern sei es niemals gelungen, ihre Tiere, z.B. das Nashorn oder das Flusspferd, zu zĂ€hmen! Diamond weiß offensichtlich nichts von den alten afrikanischen Kaiserreichen in Ägypten oder Karthago, oder von den recht hoch entwickelte bĂ€uerliche Wirtschaften, die im Mittelalter in ganz Afrika existierten. Es mag als Hinweis auf den intellektuellen Niedergang unserer Epoche gelten, dass solche Theorien ernst genommen werden. Das Magazin Economist verbreitete vor kurzem solche Ideen in einem Artikel "Afrika - der hoffnungslose Kontinent".

Trotzkis Theorie der permanenten Revolution

Im Gegensatz zu diesen offen gesagt dummen Theorien gehen wir davon aus, dass man die VorgÀnge in Afrika nur mit Hilfe eines Studiums von Trotzkis Ideen verstehen kann. Sie wurden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts am Beispiel eines wichtigen unterentwickelten Teils der Erde, des russischen Zarenreichs, herausgebildet.

Trotzki bestand darauf, dass kapitalistische Politiker in Russland aufgrund der Entstehung einer internationalen Arbeiterklasse keine fortschrittliche Rolle mehr spielen konnten und dass von ihnen keine national-demokratische Lösung zu erwarten war, wie in frĂŒheren Jahrhunderten in Frankreich oder Amerika. Stattdessen wĂŒrden sie mit der imperialistischen Reaktion gegen die Arbeiter und Bauern ihres eigenen Landes zusammenarbeiten. Trotzki betonte, dass die Arbeiterbewegung in den zurĂŒckgebliebenen LĂ€ndern die fĂŒhrende politische Rolle spielen mĂŒsse, und dass die demokratische Revolution in die sozialistische mĂŒnden werde.

Außerdem bestand er darauf, dass der Imperialismus - die Aufteilung der Welt unter die großen WestmĂ€chte und die Vorherrschaft des Finanzkapitals ĂŒber die Weltwirtschaft - das Nationalstaatensystem, in dessen Rahmen sich der Kapitalismus entwickelt hatte, unterhöhlt habe. Trotzkis Theorie stĂŒtzte sich auf die Dominanz der Weltsituation ĂŒber alle nationalen Bedingungen. Daraus ergab sich, dass eine nationale Revolution - selbst wenn die Bourgeoisie in der Lage wĂ€re, sie zu fĂŒhren - die unterdrĂŒckten Völker in Afrika, Indien, China und im Osten nicht von der Vorherrschaft des Imperialismus befreien kann.

Diesen Vorstellungen, ausgearbeitet in der Theorie der permanenten Revolution, schloss sich 1917 auch Lenin an. Sie bildeten die theoretische Grundlage der Oktoberrevolution in Russland. FĂŒr diese Konzeption kĂ€mpfte Trotzki auch in den zwanziger und dreißiger Jahren und entwickelte sie weiter gegen die nationalen Vorstellungen Stalins und der BĂŒrokratie, die in deren Perspektive vom "Sozialismus in einem Land" gipfelten.

Die Bedingungen der Weltwirtschaft und der Politik haben sich seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stark verĂ€ndert und wir behaupten nicht, dass Trotzkis Theorie einfach mechanisch auf heute ĂŒbertragen werden könne. Trotzdem sind die grundlegenden Konzeptionen auch heute noch gĂŒltig.

Was haben diese Ideen mit dem zu tun, was in Afrika geschieht, und wie weisen sie den arbeitenden Menschen und armen Massen dieses Kontinents einen Weg vorwÀrts?

Afrika muss als ein Produkt des Weltkapitalismus verstanden werden, und besonders als ein wichtiger Teil des Imperialismus des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehrere Jahrhunderte lang spielte der Sklavenhandel eine SchlĂŒsselrolle in der Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Amerika. Er raubte Afrika Millionen arbeitsfĂ€higer Menschen und fachte rĂ€uberische Kriege an, die seine Wirtschaft massiv behinderten. Diese Bedingungen machten es möglich, dass im spĂ€ten neunzehnten Jahrhundert der ganze Kontinent unter den europĂ€ischen MĂ€chten aufgeteilt und rĂŒcksichtslos von ihnen ausgebeutet werden konnte. In der ersten HĂ€lfte des zwanzigsten Jahrhunderts befand sich Afrika unter direkter kolonialer Herrschaft. Jedes einzelne Gebiet war auf den Export weniger BodenschĂ€tze und einfacher, von einheimischen ArbeitskrĂ€ften unter brutalster Ausbeutung hergestellter Waren ausgerichtet, und buchstĂ€blich der gesamte produzierte Reichtum floss in die westlichen LĂ€nder.

 

Afrikanische UnabhÀngigkeit

In den sechziger Jahren erhielten zwar die meisten afrikanischen Kolonien formell die nationale UnabhĂ€ngigkeit. Sie konnten sich jedoch weder von der politischen Vorherrschaft der frĂŒheren KolonialmĂ€chte, noch von der ökonomischen Ausbeutung durch die riesigen Konzerne befreien, die den Afrikahandel kontrollierten. In den siebziger Jahren wurden sie ermutigt, Kredite aufzunehmen. Als die Zinsen in den achtziger Jahren in die Höhe schossen und die Preise fĂŒr Rohstoffe in den achtziger und neunziger Jahren fielen, versank buchstĂ€blich jedes afrikanische Land tief in Schulden. Mitte der achtziger Jahre waren die SchuldenrĂŒckzahlungen Afrikas höher als die Hilfe und die Investitionen, die dort hin flossen. Afrika wurde zu einem Nettoexporteur von Kapital in den Westen, obwohl dort einige der Ă€rmsten LĂ€nder der Welt liegen.

Die Vorherrschaft der WeltfinanzmĂ€rkte ist so stark, dass IWF und Weltbank mit ihren Strukturanpassungsprogrammen die Haushalte dieser LĂ€nder bis zum Letzten auspressen. Der sogenannte "Schuldenerlass", der von US-PrĂ€sident Clinton und dem britischen Schatzkanzler Gordon Brown letztes Jahr verkĂŒndet wurde, erlegt ihren Volkswirtschaften sogar noch weitere Lasten auf, was dazu fĂŒhrt, dass das Land an oberster Stelle der Schuldenerlassliste, Uganda, heute mehr zahlen muss als vor Inkrafttreten dieses Plans.

Die Vorherrschaft des Imperialismus ĂŒber die unterentwickelten LĂ€nder, die Trotzki schon im frĂŒhen zwanzigsten Jahrhunderts fĂŒr eine grundlegende Frage hielt, als ganze Teilen Afrikas noch eine bĂ€uerliche Selbstversorgungswirtschaft hatten, ist heute unbestrittene RealitĂ€t.

Die Nachkriegs-"UnabhĂ€ngigkeit" bedeutete, dass Afrika entlang seiner irrationalen, durch den Imperialismus gezogenen Grenzen aufgeteilt wurde. Sie ermöglichte in den sechziger Jahren eine Ă€ußerst begrenze Wirtschaftsentwicklung. In manchen LĂ€ndern wurde in dieser Zeit ein Gesundheits- und Bildungswesen aufgebaut. Aber dies wurde durch den finanziellen Druck des Westens in den letzten beiden Jahrzehnten wieder demontiert.

Diese Entwicklung ist eine brutale und negative BestĂ€tigung von allem, was Trotzki ĂŒber die Unmöglichkeit wirtschaftlichen Fortschritts innerhalb abgeschotteter nationaler Grenzen geschrieben hat. Im Unterschied zur Sowjetunion, wo die kapitalistischen EigentumsverhĂ€ltnisse durch die Revolution von 1917 umgestoßen worden waren, blieben die afrikanischen LĂ€nder und ihre Regierungen vollkommen vom Imperialismus beherrscht, auch wenn sich ihre FĂŒhrer Sozialisten nannten.

 

Stalinismus und Panafrikanismus

Das bringt mich zu den politischen Bewegungen in Afrika, besonders den UnabhÀngigkeitskÀmpfen, die am Ende des zweiten Weltkriegs begannen und in Angola, Mozambique und Namibia bis in die achtziger und neunziger Jahre dauerten.

Wenn man diese UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfe untersucht, dann erkennt man, glaube ich, besonders gut, wie vorausschauend Trotzkis Analyse war. Seine Entlarvung des Verrats der chinesischen Revolution in den zwanziger Jahren durch die stalinistischen FĂŒhrer beinhaltet eine der wichtigsten strategischen Lehren unserer Bewegung.

Völlig im Gegensatz zu Trotzkis Analyse hatte Stalin dort behauptet, die nationalistische Bewegung in China - die Kuomintang - fĂŒhre eine demokratische Revolution gegen die feudalen War-Lords und die imperialistische Herrschaft. Gleichzeitig wurde eine riesige Kampagne organisiert, um Trotzki und seine Sympathisanten zu verleumden. Stalin wies die chinesische kommunistische Partei an, in die Kuomintang einzutreten und sich ihrer Disziplin unterzuordnen. Das Ergebnis war eine völlige Katastrophe, die 1927 zur Niederlage der Revolution und zur Ermordung Tausender chinesischer Kommunisten durch die Nationalisten fĂŒhrte.

Der chinesische bĂŒrgerliche Nationalismus inspirierte die spĂ€teren panafrikanischen FĂŒhrer, die nach dem zweiten Weltkrieg die afrikanischen Regime bildeten. Es gibt einen ganz direkten Zusammenhang. Der erste PrĂ€sident von Nigeria, Azikiwe, berichtet in seiner Autobiographie, er sei wĂ€hrend seiner Zeit an der Howard University in den Vereinigten Staaten in den frĂŒhen dreißiger Jahren - nach dem Abschlachten der chinesischen Kommunisten - von Sun Yat Sen und Chiang Kai-Shek, den FĂŒhrern der Kuomintang, stark beeindruckt worden.

Azikiwe studierte an der Howard University, wo schwarze Intellektuelle wie Tubman, der spĂ€tere PrĂ€sident von Liberia, und Kwame Nkrumah, der spĂ€tere PrĂ€sident von Ghana, panafrikanistische Ideen entwickelten. Sie standen unter dem Einfluss von George Padmore aus Westindien, dem vielleicht bekanntesten intellektuellen FĂŒhrer des Panafrikanismus, der spĂ€ter als Nkrumahs Berater nach Ghana ging.

Padmore war ein internationaler FĂŒhrer der Kommunistischen Bewegung und ergebener ParteigĂ€nger Stalins. In Moskau diente er Anfang der dreißiger Jahre in einem Sonderkomitee zur SĂ€uberung der chinesischen Kommunistischen Partei von Trotzkisten und Gegnern der Stalin-Linie. Wer argumentierte, dass die Partei sich auf die Arbeiterklasse stĂŒtzen solle, wurde hinausgetrieben. Padmore akzeptierte völlig die "Zwei-Stadien-Theorie", die zur offiziellen stalinistischen Politik in den unterentwickelten LĂ€ndern wurde.

Laut dieser Theorie sollten in diesen LĂ€ndern zuerst national-demokratische Revolutionen stattfinden, was bedeutete, dass die Kommunisten die verschiedensten Bauern- und nationalbĂŒrgerlichen Bewegungen unterstĂŒtzen mussten; der Sozialismus sollte erst in einer unbestimmten (und gewöhnlich weit entfernten) Zukunft kommen. Padmore brach erst in den spĂ€ten dreißiger Jahren mit der Kommunistischen Partei, als klar wurde, dass Stalin kein wirkliches Interesse an den nationalen Bewegungen in Afrika oder anderswo hatte, außer als PfĂ€nder in seinem Schacher mit dem Imperialismus. Aber Padmores Ideen ĂŒber den Nationalismus, die er aus dem Stalinismus abgeleitet hatte, blieben im Wesentlichen unverĂ€ndert.

Padmore beeinflusste die meisten der spĂ€teren afrikanischen FĂŒhrer am Ende des zweiten Weltkriegs, darunter Nkrumah, Kenyatta und Nyerere, die in den frĂŒheren britischen Kolonien fĂŒhrende Politiker wurden. Viele von ihnen nahmen an der panafrikanischen Konferenz von 1945 in Manchester teil. Ähnliche Entwicklungen gab es in Frankreich, wo ebenfalls von den Stalinisten ausgebildete FĂŒhrer, wie Sekou TourĂ© in Guinea, in den Vordergrund traten.

Padmores grundlegende Idee bestand darin, dass der nationale Befreiungskampf die wachsende Bewegung der Arbeiterklasse in Afrika nach dem Krieg kontrollieren könne. Eine kleine Elite schwarzer Afrikaner, eine angehende schwarze Bourgeoisie, sollte die politische Macht ĂŒbernehmen. Zu der Zeit gab es schon einige Gebiete mit einer starken Arbeiterklasse, besonders im Bergbau, und es gab eine Reihe großer Streiks. Tausende Bergarbeiter organisierten sich in SĂŒdafrika gegen die britischen Bergwerksbesitzer. Im Kongo arbeiteten bis zu einer Million Arbeiter in den Kupfer- und Diamantenminen, und dort wurde auch das Uran fĂŒr die Atombomben gewonnen. Dies war Teil einer internationalen revolutionĂ€ren Welle in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die durch Indien, China und ebenso durch Teile Europas fegte.

Padmore sagte dazu: "Die einzige Kraft, die den Kommunismus in Asien und Afrika aufhalten kann, ist ein dynamischer Nationalismus mit einem sozialistischen Industrialisierungsprogramm...." [1] Er appellierte an die imperialistischen MÀchte, auf dieser Grundlage UnabhÀngigkeit zu gewÀhren.

Der "Sozialismus", den er, Nkrumah, Nyerere und andere meinten, war ein gewisses Maß an Staatsintervention und an Ausgaben fĂŒr Soziales - eine Vorstellung, der in den krisenhaften Nachkriegszeiten viele Kapitalisten durchaus positiv gegenĂŒber standen und die in Großbritannien zum Beispiel von der Labour Party aufgegriffen wurden. Das hatte nichts mit Sozialismus in der Tradition des Marxismus zu tun, fĂŒr den Trotzki kĂ€mpfte, der immer darauf bestand, dass der Sozialismus nur durch den Aufbau einer unabhĂ€ngigen und politisch bewussten Arbeiterbewegung zum Sturz des Imperialismus zu erreichen sei. Die Panafrikanisten waren Gegner dieser Konzeption, und als sie in den sechziger Jahren in ganz Afrika an die Macht kamen, unterdrĂŒckten sie Streiks und jede Opposition seitens der Arbeiterklasse.

Ihre NĂŒtzlichkeit wurde von den imperialistischen MĂ€chten erkannt, wie ein kĂŒrzlich freigegebenes Dokument ĂŒber Diskussionen zwischen dem britischen Außenministerium und den Vereinigten Staaten deutlich zeigt. "Der Panafrikanismus ist an sich keine Kraft, die wir notwendigerweise mit Argwohn und Furcht betrachten mĂŒssten. Im Gegenteil, wenn wir vermeiden könnten, ihn uns zu entfremden, und ihn in eine der freien Welt generell freundliche Richtung lenken könnten, dann könnte er sich lĂ€ngerfristig als eine starke, einheimische Barriere gegen das Eindringen der Sowjetunion in Afrika erweisen." [2]

Die britische herrschende Klasse kannte natĂŒrlich die sowjetische BĂŒrokratie, mit der sie wĂ€hrend des zweiten Weltkriegs zusammengearbeitet hatte. Sie hatte auch den Wert der Stalinisten bei der UnterdrĂŒckung revolutionĂ€rer Bewegungen nach dem Krieg auf der ganzen Welt erlebt. Was sie fĂŒrchtete, war das Anwachsen von Bewegungen der Arbeiterklasse, die sie nicht mehr kontrollieren konnte.

Ich kann hier nicht im Einzelnen die Entwicklung der Theorie der permanenten Revolution durch die trotzkistische Bewegung gegen die Stalinisten und die kleinbĂŒrgerlichen Radikalen im vergangenen halben Jahrhundert darlegen, die Auseinandersetzung zwischen proletarischem Internationalismus und bĂŒrgerlichem Nationalismus. Aber wen man die Nachkriegsperiode in Afrika als ganze nimmt, welche Erfahrungen haben die Arbeiterklasse und die Bauernschaft mit vierzig Jahren Panafrikanismus oder mit Regimen, die sich ursprĂŒnglich auf den Panafrikanismus beriefen, gemacht? Was ist das Erbe der nationalistischen Politik Padmores, Nkrumahs und der anderen - einer Politik die im Stalinismus ihren Ursprung hatte?

Es hat Trotzkis Analyse erneut bestĂ€tigt, mit tragischen Folgen fĂŒr die Massen. Bis zu einem gewissen Grade konnten sich diese Regime und die nationalen Befreiungsbewegungen wĂ€hrend des Kalten Krieges auf die stalinistische BĂŒrokratie stĂŒtzen. Das verlieh ihnen einen gewissen Spielraum zum Manövrieren und ermöglichte es manchmal sogar, beschrĂ€nkte Sozialstaatsmaßnahmen einzufĂŒhren. Aber mit dem Ende des Kalten Kriegs und den grundlegenden VerĂ€nderungen der Weltwirtschaft im Rahmen der Globalisierung der letzten zwanzig Jahre haben wir den völligen Zusammenbruch der bĂŒrgerlich nationalistischen Bewegungen erlebt. Die dĂŒnne Fassade dieser "unabhĂ€ngigen Staaten" wurde entlarvt. Welchen progressiven Inhalt der Kampf dieser Bewegungen gegen den Imperialismus auch frĂŒher einmal gehabt haben mag, heute ist davon jedenfalls nichts mehr ĂŒbrig.

Jeder dieser Panafrikanisten oder ihrer politischen Erben hat vor dem Imperialismus kapituliert. Alle sind auf den Zug der freien Marktwirtschaft aufgesprungen und haben die Vorherrschaft des IWF und der transnationalen Konzerne ĂŒber Afrika und die katastrophale soziale Lage akzeptiert, die den Kontinent heute ĂŒberschwemmt. Ob man sich Libyens Oberst Gaddafi anschaut, der seine Deals mit der EU macht; oder die MPLA, die ihre Deals mit den amerikanischen Ölgesellschaften macht; oder Museveni und Kagame - Clintons sogenannte neue FĂŒhrer in Uganda und Ruanda, die sich gegenseitig wegen der Kontrolle der Edelstein- und GoldvorrĂ€te des Kongo an die Kehle gehen; oder brutale Diktatoren wie Charles Taylor, der Liberia mit UnterstĂŒtzung von Jesse Jackson zu seinem privaten Lehensgebiet gemacht hat; oder sogar Thabo Mbeki und der ANC in SĂŒdafrika, die gerade im Rahmen eines Privatisierungsprogramms Arbeiter entlassen, - keine einzige nationalistische Bewegung und kein nationalistischer FĂŒhrer haben die Lage ihrer Bevölkerung um ein Iota verbessert. Vielmehr haben sie dem Imperialismus geholfen, die Uhr zurĂŒckzudrehen und quasi eine Rekolonisierung in Angriff zu nehmen, wie das Großbritannien momentan in Sierra Leone tut.

Unsere Arbeit zu Afrika fĂŒr das World Socialist Web Site beweist die Macht von Trotzkis Ideen. Sie bestĂ€tigt die bedrohlichen Folgen der Beherrschung durch den Imperialismus fĂŒr den Kontinent und besonders die entscheidende Rolle, die die Nationalisten und der Stalinismus dabei gespielt haben, den WestmĂ€chten diese Vorherrschaft zu ermöglichen. Die Entwicklung der revolutionĂ€ren Bewegung der Arbeiterklasse im Weltmaßstab erfordert die Aneignung dieser Lehren. Die entscheidende Frage in Afrika ist, die Verwirrung und Desorientierung aufzuarbeiten, die von den verschiedenen Spielarten des Panafrikanismus hervorgerufen worden ist.

Die pointierte Analyse des WSWS findet ein wachsendes internationales Publikum. Wir sind ĂŒberzeugt, dass eine Wiederbelebung der Ideen Trotzkis und der marxistischen Kultur ĂŒberhaupt durch diese Arbeit am Internet bewirkt werden kann und die Grundlage fĂŒr den Aufbau der Vierten Internationale im einundzwanzigsten Jahrhundert in Afrika und weltweit sein wird.